Noch in seinen Jugendjahren brach die nationalsozialistische Okkupation über Tschechien herein. Nach dem Krieg mit den Zerstörungen folgte der Kommunismus mit einer noch massiveren Härte gegen Kirche und Priester. Ein Aufatmen gab es erst im „Prager Frühling“, der nur allzu kurz dauerte. Dann rollten wieder die russischen Panzer und es folgten Jahre russischer Besatzung, ehe die „samtene Revolution“ Ende 1989 schließlich die ersehnte Freiheit brachte. Für die Kirche kamen damit neue und andere Herausforderungen, denen sie sich stellen muss.
50 Jahre lang hat Karel Otcenasek als Bischof diese ständigen Bedrohungen, politische Machtkämpfe und Wechsel erlebt. Von Regimen immer wieder angefeindet, immer wieder traktiert und gedemütigt, hat er an seiner Überzeugung festgehalten. Wir sprachen mit Erzbischof Karel Otcenasek über sein Leben, seine Erinnerung und sein „Vermächtnis“ für ein gemeinsames kommendes Europa.
Herr Erzbischof, Sie sind seit über 50 Jahren Bischof von Königgrätz. Was hat Sie in all den politisch turbulenten Jahren besonders bewegt?
Seit ich 1950 zum Bischof der Diözese Königgrätz mit der Kathedrale des Heiligen Geistes ernannt wurde, habe ich mir Gedanken über die Sendung des Heiligen Geistes gemacht. Es gibt über 2.500 Kathedralkirchen, aber nur zwei oder drei davon sind meinem Wissen nach dem Heiligen Geist geweiht. Ich bin dabei zur Erkenntnis gelangt, dass der „unbekannte Gott“, der Heilige Geist, lebendig macht und vor allem in Liebe eint: den Vater mit dem Sohn und alle mitsammen in der Kirche. Er ist die Liebe, die dritte göttliche Tugend, die alle in gegenseitiger Liebe und Freundschaft zusammenführt. Diese Freundschaft besteht zu Gott und auch zwischen den Menschen.
In Ihrem Leben habe Sie aber haben immer wieder auch Erfahrungen gemacht, dass diese Liebe und Freundschaft im Zusammenleben oft fehlen.
Das ist wahr. Aber wir müssen unser Ideal vor uns haben. Das ist unsere Pflicht, wenn wir Kinder Gottes und Geschwister in Jesus Christus sind. Kurz gesagt – wir Christen leben in dieser universalen Freundschaft des Heiligen Geistes. Diese Freundschaft muss unser erstes und letztes Ziel sein. Im Himmel werden wir alle einst in dieser Freundschaft und Liebe glücklich leben, denn Gott ist ihre Quelle und ihr Ziel.
Thomas von Aquin hat schon dieses Wort gebraucht: die dritte göttliche Tugend ist eine „spezielle Form der Freundschaft“. Die Freundschaft des Heiligen Geistes ist universal. Keiner ist davon ausgeschlossen. Ich habe fünfzig Jahre darüber nachgedacht. Ich muss noch hinzufügen, dass sich das Wort Jesu (Mt 19,29) schon seit 2.000 Jahren erfüllt. Aber wenn diese meine bescheidene Erklärung über die Freundschaft angewendet und entfaltet wird, kann es besser im Einzelnen und auch mit der Welt ergehen. Das Zitat lautet: „Jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen“.
Wie ist nun diese universale Liebe und Freundschaft zu verstehen?
Ein Beispiel: eine Lehrerin beobachtet während der Pause die Kinder im Schulhof. Da bemerkt sie ihre zwei Töchter mitten unter den anderen Kindern. Plötzlich sieht sie die Situation anders – ihr Geicht beginnt zu strahlen mit viel mehr Liebe. Obwohl sie alle Kinder gern hat, sieht sie die eigenen Kinder mit mütterlichen, „nahen“ Augen. Das gibt eben diese Freundschaft. Ich meine, so innig, gleichsam aus der Nähe, sehen wir auch die Welt und nehmen Informationen auf. So sollen wir allen beistehen, wenigstens durch Gebet, Sympathie oder Anteilnahme. Denn wir alle stehen in der gleichen Freundschaft des Heiligen Geistes.
Wenn irgendwo in der Welt etwas passiert, müssen wir uns dies wie mit einem Fernrohr näher bringen, auch in Zusammenhang mit der Ewigkeit. Denn für alle Menschen hat Gott gelitten, alle sind erlöst.
Ist es das, was die Christen auch zum gemeinsamen Europa beitragen können?
Ja. Niemanden dürfen wir von dieser Liebe ausschließen. Wenn es zum Beispiel in einer Familie zu Spannungen kommt, sollte der Partner wie mit einer Lupe suchen, wo der Andere seine guten Eigenschaften hat. Wenn er dann diese sieht, kann er den Anderen wieder mehr und besser lieben. Das nenne ich universale Freundschaft, die der Heilige Geist wirkt und in der wir mit ihm mitarbeiten. Das ist auch der Kern und die Substanz der Kirche Christi und ihrer Botschaft und die Hauptarbeit ihrer pastoralen Methode. Und das gilt natürlich für ganz Europa und darüber hinaus.
Und wie geschieht das konkret?
Wir alle sind von Gott nach seinem Bild geschaffen. Dies muss uns helfen, die bestehenden gegenseitigen Ressentiments abzubauen und zu überwinden. Es ist anders, wenn ich aus festem Glauben heraus weiß, dass alle Freunde Christi sind. Denn Christus hat gesagt: "Ich nenne euch nicht mehr Diener, sondern meine Freunde". Wir müssen uns also wie freundliche Diener benehmen.
Dadurch wird das kirchliche Gesetzbuch nicht aufgelöst, auch nicht die darin enthaltenen Sanktionen. Die Autorität muss noch andächtiger angesehen werden. Aber die Canones, die Vorschriften, müssen im Sinne der Freundschaft des Heiligen Geistes angenommen und befolgt werden. Alles was wir tun oder leiden, soll unter dieser Freundschaft des Heiligen Geistes geschehen.
Das ist meine Lebensidee. Ich habe versucht, dies ein wenig in meiner Diözese umzusetzen. Mir scheint es wichtig, dass der Heilige Geist nicht mehr der „unbekannte Gott“ bleibt. Es wird viel zu wenig zu ihm gebetet. Man sollte ihn vor jedem Vorhaben und Tun anrufen, damit er uns hilft, das Richtige zu tun.
Christus hat einst versprochen, dass er den Heiligen Geist senden wird, der den Menschen alles lehren wird. Der Heilige Geist hat nicht nur am Pfingstfest gewirkt, sondern ist alle 2.000 Jahre hindurch der Begleiter der Päpste, der Bischöfe, aber auch der ganzen Kirche und der Menschen gewesen.
Sie hatten eine bewegte Geschichte. Was waren die markantesten Punkte?
Die Liebe und Freundschaft des Heiligen Geistes ist die Krönung des Glaubens. Daher darf ich den Heiland als größten Freund nicht verraten und auch nicht meine Diözese. Es darf auch niemand von dieser universalen Freundschaft ausgeschlossen sein. Wir sind zwar gegen die kommunistische Ideologie und Praxis aufgetreten. Aber für unsere Wärter und Aufpasser haben wir gebetet. Denn auch im Evangelium steht, man soll auch seine Feinde lieben.
Die Treue ist dabei eine wichtige Grundlage. Vor meiner Entlassung aus dem Gefängnis auf Grund der zweiten allgemeinen Amnestie im Jahr 1962 hat man mir zwei Jahre zuvor gesagt, dass ich noch ein Papier unterschreiben soll, in dem ich bestätige, dass der Vatikan politische Fehler begangen habe und begeht. In politischen Fragen ist der Papst ja nicht unfehlbar. Aber es ging mir um die Treue zur Kirche und zum Papst. Ich habe gesagt: „Das tu ich nicht!“ Da habe ich vor allen Leuten im Saal eine „fazka“, eine Ohrfeige bekommen und man hat mir gesagt, dass ich das noch bereuen werde. Wegen dieser Treue zum Papst musste ich noch einige weitere Jahre im Gefängnis verbringen. Denn wenn man den Kommunisten einen Finger gab, haben sie die ganze Hand ergriffen.
Sie sind 1945 zum Priester geweiht worden. Bereits fünf Jahre später wurden Sie Bischof. Haben Sie schon gewusst oder geahnt, was auf Sie zukommt?
Ich wehrte mich sehr gegen die Bischofsweihe, denn ich war noch zu jung. Aber mein Bischof war damals bereits 80 Jahre alt und es haben schon die ersten großen Prozesse gegen die Christen und Humanisten begonnen. Ich musste sogar meinem Vater das Versprechen abnehmen, dass er von meinem Bischofsamt nichts weiter erzählt. Er sagte nur: „Als Bischof bist du verurteilt, erschossen zu werden“, denn die Verfolgung war schon in Gang.
Dann musste meine Entscheidung über die Annahme des Bischofsamtes nach Rom gemeldet werden. Eine Ordensfrau hat diese Nachricht übermittelt, dass ich die Ernennung angenommen habe und bereits geweiht worden bin - geheim in der Kapelle des Bischofshauses. Sie hat dafür fünf Jahre Haft bekommen. Zusammen mit mir wurden auch drei Priester zu insgesamt 68 Jahren im Kerker verurteilt.
Als dies der damaligen Regierung bekannt wurde ...
Vielleicht. Ein halbes Jahr nach der Bischofsweihe hat die Geheimpolizei den Sekretär meines Vorgängers festgenommen und von ihm durch Folter erfahren, dass ich bereits zum Bischof geweiht worden bin. Die Kommunisten haben auch die geheimen Protokolle gekannt. Zuerst haben sie mir alles Mögliche versprochen und gehofft, dass ich auf die Seite der Friedenspriester wechsle. Gott sei Dank hat mich auch damals der Heilige Geist geführt.
Im Konzentrationskloster Zeliv wurde ich bereits auf das Gefängnis vorbereitet. Die Spitzen der Orden waren dort interniert, auch der zukünftige Kardinal Tomasek und Spiritual Msgr. Suranek. Sie wurden mit mir in einer strikten Isolation gegenüber den Anderen gehalten. Insgesamt waren wir etwa 200 Priester. Durch den heiligmäßigen Spiritual Suranek bekam ich fast drei Jahre lang eine gute Vorbereitung auf das, was noch auf mich zukommen sollte. Er trug viel zu meinem geistigen Wachstum bei. Die Kommunisten meinten, er sei ein geheimer Bischof. Das war er aber nicht. Er ist schon vom Apostolischen Stuhl als „Diener Gottes“ erklärt. Der Prozess der Seligsprechung ist eingeleitet.
Wie haben Sie dann die folgende Zeit erlebt? Konnten Sie – zumindest teilweise - als Bischof wirken?
Ich wurde zu 13 Jahren Haft und zur Zwangsarbeit verurteilt. Ich musste zum Beispiel Glas für Kronleuchter schleifen, bis die Finger blutig wurden. Später habe ich in der Trockenmilcherzeugung in einer Molkerei gearbeitet.
Nach 14 Jahren durfte ich auf Drängen des Vatikans, es war Papst Johannes XXIII., als Priester in die Seelsorge zurückkehren. Dreimal wurde ich vom Papst zum II. Vatikanischen Konzil eingeladen, durfte aber nicht teilnehmen, da mir als verurteilten „Vaterlandsverräter“ die Ausreise verweigert wurde.
Schließlich wurde ich für 20 Jahre in das Grenzgebiet zur DDR gesendet. Dort lebten nur wenige Menschen und fast keine Gläubigen. Dennoch hatte ich fünf Pfarren und 20 Kirchen und Kapellen zu betreuen. Die Jugend aus dem Landesinneren stand aber fest hinter mir. Sie wussten, dass ich Bischof bin und haben mich sehr unterstützt. Von einem Pfarrer hatte ich für den Anfang ein altes Auto bekommen, mit dem ich von Kirche zu Kirche gefahren bin. Und es ist auch gelungen, fast alle kirchlichen Gebäude zu erhalten und zu renovieren.
Wie war die Seelsorge?
Ich musste jeder einzelnen Person nachgehen. Ein Kern der Seelsorge waren die zurück gebliebenen Deutschen. Es war aber verboten, in deutscher Sprache zu predigen. So waren die deutschen seelsorglichen Gespräche für die Nichtvertriebenen nur auf den Beichtstuhl und private Gespräche beschränkt.
Was brachte dann 1968 der Prager Frühling?
Da gab es Hoffnung, aber die Zeit war zu kurz. Bischof Franz Zak hat mich eingeladen, mich in den Alpen zu erholen und stellte sogar sein Auto zur Verfügung. Ich konnte auch nach Rom fahren. Doch dann kam die sogenannte „Normalisierung“ unter Husak. Fünf Jahre war ich in der Nähe meiner Heilig-Geist-Kathedrale, bis ich wieder ins Exil zurück musste.
Wir Priester haben das durchgestanden. Die Kommunisten meinten, in den Grenzgebieten sei für die Kirche ohnehin nichts zu holen. Daher war dort eine relativ bessere Situation als im Landesinneren. Aber wenn ich an einem Begräbnis von einem Priester teilnahm, dann gab es danach immer wieder Verhöre. Und auch die Priester wurden bestraft, wenn sie mich im Kanongebet der Messe nannten.
1989 kam die samtene Revolution
Wir hatten große Hoffnung, dass es besser wird. Doch die Besucher aus dem Westen sagten immer, dass die westliche Konsumideologie noch schlechter sein wird als die offene Verfolgung. Wir haben vom Westen aber viel erhalten. Auch aus der Diözese St. Pölten, wo sich vor allem Prälat Florian Zimmel um uns sehr verdient gemacht hat. Ich erinnere mich seiner immer im Gebet. Und aus der Schweiz haben wir die Mittel für die Restaurierung des ehemaligen Jesuitenkollegs „Neues Albertinum“ bekommen, das heute unser Pastoralzentrum ist.
Ist der westliche Konsumismus wirklich schlechter?
Es ist eigentlich dasselbe. Die Freiheit der Kirche ist etwas sehr Wertvolles, aber die alleinige Orientierung an materiellem Wohlstand ist ebenso schlecht wie die Unfreiheit. Jeder ist nur bestrebt, Geld zu gewinnen und das Leben zu genießen - auch gegen das eigene Gewissen.
Wie sieht es heute in der Kirche von Tschechien aus? Gibt es einen neuen Aufbruch?
Ich soll demnächst vierhundert Jugendliche in einem nahe gelegenen Wallfahrtsort empfangen. Die Jugendlichen sind drei Stunden zu Fuß unterwegs. Das ist bereits ein guter Ansatz. Bei ähnlichen und noch breiteren kirchlichen Zusammenkünften der Jugend in den Diözesen kommen fast immer um die 1.000 Leute. Im Westen etwas weniger und im Osten von Tschechien etwas mehr.
In den Schulen dürfen wir jetzt den Katechismus lehren. Auch in der Armee, in den Gefängnissen und Krankenhäusern ist eine Seelsorge möglich geworden. Seit kurzem sind wir auch eingeladen, Polizisten in schwierigen Fällen Aufmerksamkeit schenken.
Allerdings hat die Diözese etwa 450 Pfarren und nur etwa 200 Priester. Doch kommen in letzter Zeit immer wieder Priester und Ordensfrauen aus Polen zu uns.
Das Zweite Vatikanische Konzil war bei uns unbekannt. Nur Kardinal Tomasek konnte daran teilnehmen, sonst niemand. Jetzt wollen wir das nachholen und das Konzil bei uns umsetzen. Dazu soll demnächst auch die Plenarsynode in Velehrad dienen.
Welche Chancen hat die Kirche im kommenden Europa und was kann sie für diesen gemeinsamen Weg beitragen?
Wir hoffen, dass es aufwärts geht, aber vielleicht werden wir – Gott möge es verhüten - wieder einmal enttäuscht. Wir als Christen müssen versuchen, auch die Politik durch die universelle Freundschaft im Heiligen Geist zu ändern und zu erneuern. Dies gilt für alle Lebensbereiche, auch für Wissenschaften und Künste, Ökonomie und Politik, einfach für das ganze Leben. Es ist möglich, aber es bedarf großer Anstrengungen, vereint mit dem „freundschaftlichen Gehorsam“ der kirchlichen Autorität.
Wir müssen enger zusammenarbeiten, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt. Seit kurzem schicken auch wir aus unserer Diözese schon etwas Geld von der Caritas in die Missionsgebiete, damit wir denen helfen. Wir möchten nicht nur nicht nur aus dem Westen Hilfe empfangen, sondern fühlen auch Mitverantwortung für die Welt.
Gibt es ein Ereignis, das sich besonders eingeprägt hat?
Als ich 1996 mit dem Papst über seinen geplanten Besuch in Königgrätz verhandelte, habe ich mit ihm auch darüber gesprochen, dass er in unsere bischöfliche Hauskapelle kommen soll, wenn es der Gesundheitszustand ermögliche. Dort ist am Hauptaltar ein Bild des heiligen Karl Boromäus. Ein Engel trägt seinen Wahlspruch, der lautet "Demut". „Wenn mehr Demut in der Kirche wäre, gäbe es weniger Konflikte oder sie würden leichter beendet“, sagte ich zum Papst. Und der gab mir recht, mich freundlich umarmend.
Herr Erzbischof, danke für das Gespräch