Obgleich hoch motiviert in ihrer
ehrenamtlichen Arbeit, sorgen sich die österreichischen
Pfarrgemeinderats-Mitglieder um die Zukunft der Seelsorge in ihren
Gemeinden. Dies ist das Ergebnis einer Studie des Wiener
Pastoraltheologen em.Prof. Paul Zulehner unter den insgesamt rund
35.000 Pfarrgemeinderäten in ganz Österreich. Bei einem Rücklauf von
rund 7.300 Fragebögen betrug die Beteiligung an der Umfrage 21
Prozent. Die Studie, die am Freitagabend im Wiener
Kardinal-König-Haus präsentiert wird, trägt den Titel "Der Reichtum
der Kirche sind die Menschen".
Insgesamt seien die Mitglieder der Pfarrgemeinderäte "hoch
motiviert", zugleich gebe es jedoch ein großes Bedürfnis nach neuen
Visionen für die eigene Arbeit. Auf der einen Seite gebe es ein
"überraschend hohes Ausmaß an Depression", auf der anderen Seite
jedoch auch eine "erstaunliche Bereitschaft, sich zu engagieren und
gestalterisch tätig zu sein", so Zulehner im Gespräch mit
"Kathpress". Insbesondere unter den jüngeren Pfarrgemeinderäten
seien Elemente des sogenannten "neuen Ehrenamtes" feststellbar, d.h.
diese suchten nach persönlicher Entfaltung, nach gestalterischer
Freiheit und nach Beheimatung.
Pfarrliche Überlebensängste
Trotz dieses Motivationsschubs gebe es große "Überlebensängste" im
Blick auf die Zukunft der jeweiligen Pfarren, so Zulehner. Mit Sorge
erfülle die Pfarrgemeinderäte etwa das anhaltende Schrumpfen der
Gottesdienstgemeinschaften, der Verlust der Jugend und der Kinder in
den Gemeinden, die Schwierigkeit, ausreichend Freiwillige auch für
pastorale Dienste zu finden und die Frage, ob die eigene Pfarre
angesichts des eklatanten Priestermangels in der bisherigen Form
bestehen bleibe. In vielen Antworten auf diese Fragen seien laut
Zulehner gerade im Blick auf die Zukunft der Pfarren und der
pastoralen Arbeit "sehr massive Depressionen wahrnehmbar".
Der derzeit eingeschlagene Weg der Schaffung größerer
seelsorgerischer Räume könne sich gerade angesichts der Suche der
Menschen nach pfarrlicher Beheimatung als Sackgasse erweisen, so
Zulehner.
88 Prozent mit PGR-Arbeit zufrieden
Die überwiegende Mehrheit (88 Prozent) der Befragten sind mit der
Arbeit im Pfarrgemeinderat und den dort gesammelten Erfahrungen hoch
zufrieden bis zufrieden. Nur 12 Prozent gaben an, unzufrieden zu
sein. Dabei hänge die Zufriedenheit bei der Arbeit laut Zulehner
maßgeblich von einer "professionellen Arbeits- und Konfliktkultur"
sowie von einer "kompetent ausgeübten Pfarrer-Rolle" und von der
"Innovationsbereitschaft" in der jeweiligen Pfarre ab.
Zu den Hauptmotiven, sich in den Pfarrgemeinderäten zu engagieren,
zählen laut Studie die aktive Mitgestaltung des Lebens in der Pfarre
(21 Prozent) sowie der Einsatz "für Gott und Glaube" (19 Prozent).
14 Prozent gaben an, ihr Engagement verdanke sich der
Gemeinschaftserfahrung im Pfarrgemeinderat. Insbesondere die Älteren
unter den Befragten gaben an, sich für eine offene Kirche im Geistes
des Zweiten Vatikanischen Konzils zu engagieren - ein
Motivationsgrund, der sich in dieser Form bei den Jüngeren kaum
findet.
"Neue Kultur des Ehrenamtes" schaffen
Eine zentrale Sorge der Befragten Pfarrgemeinderats-Mitglieder gilt
der Frage des Priesternachwuchses und der pastoralen Betreuung in
den Pfarren. Mehr als die Hälfte der Befragten sprach sich laut
Studie dafür aus, die Zulassungskriterien zum Priesteramt zu ändern,
um so den Priesternachwuchs zu fördern. In diesem Zusammenhang wurde
auch auf die Möglichkeit der Zulassung von "viri probati" (erprobten
Männern), die Weihe von gemeindeerfahrenen Personen sowie die
Frauenordination hingewiesen.
Notwendig sei es nun, die Ergebnisse der Studie ernst zu nehmen und
in konkrete pastorale Projekte umzumünzen, so Zulehner weiter. Dazu
zähle etwa eine Stärkung der Gottesdienste, die bewusste Sorge um
den Nachwuchs in de Pfarrgemeinden und die Schaffung einer "neuen
Kultur des Ehrenamtes".
Um die Zukunftsfähigkeit der Pfarren sicher zu stellen, sei die
Kirche laut Zulehner gut beraten, "gerade dorthin zu schauen, wo die
Säkularität am weitesten fortgeschritten ist", konkret etwa nach
Frankreich, Tschechien oder Ostdeutschland. Dort könne man lernen,
aus der Existenz in der Diaspora heraus produktiv mit diese
Situation umzugehen. Zulehner: "Dies wäre die wichtigste Aufgabe der
Pfarrgemeinderäte: Anwälte der Zukunftsfähigkeit der eigenen Pfarre
zu sein."
Bei der Studie handelt es sich um die erste österreichweite
statistische Auswertung der Pfarrgemeinderatsarbeit. Die Ergebnisse
sind auch Grundlage für den großen Kongress der Pfarrgemeinderäte
vom 13. bis 15. Mai 2010 in Mariazell.