#Rastplatz 2019 4. Fastensonntag: Den Herrn furchtlos lieben

Evangelium: Lk 15,1-3.11-32

Dein Bruder war tot und lebt wieder.

Das ist eine Geschichte, in der eigentlich viel passiert, aber an den entscheidenden Punkten das Gespräch miteinander noch fehlt. So wirft der (vorläufige) Abschluss des Gleichnisses auch die Frage auf: „Wie geht es nun weiter?“ In der geläufigen Deutung der Geschichte wird mit dem Vater Gott selbst in Verbindung gebracht. Dies ist vielleicht auch deshalb naheliegend, weil Jesus, der selbst Sohn ist, diese Geschichte „vom gütigen Vater und seinen beiden Söhnen“ erzählt. Es werden darin sehr bewegende Szenen erzählt, wie zum Beispiel das Warten des Vaters, sein Entgegenlaufen, als er den jüngeren Sohn zurückkehren sieht, und sein Mitleid mit ihm. Es heißt, er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Diese Geste der bedingungslosen Annahme öffnet dem jüngeren Sohn das Herz, sodass er sagen kann: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein“ (Lk 15,21).

Es überrascht, dass der Vater sich dann den Knechten zuwendet und ihnen „spontan“ den Auftrag erteilt, ein Fest vorzubereiten, ohne dies vorher mit seinen Söhnen besprochen oder beschlossen zu haben. Dass sich dadurch der ältere Sohn übergangen fühlt, kann man menschlicherweise nachvollziehen.

Als der Vater bemerkt, dass sein Sohn verärgert ist, wendete er sich auch ihm zu und „redete ihm gut zu“. Trotz der Vorwürfe des älteren Sohnes antwortete ihm der Vater: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.“ (Lk 15,31) Für den Vater selbst war das „Abgehen“, das Fehlen des jüngeren Sohnes wie ein „Tot sein“. Die Sehnsucht nach ihm und das hoffnungsvolle Warten auf seine Heimkehr haben ihn aus dem Tod der Beziehungslosigkeit zu ihm und zum älteren Sohn herausgeführt.

Solche Erfahrungen, wie sie in dieser Geschichte zu hören und zu lesen sind, kommen in vielen Familien und in den Beziehungen des täglichen Lebens der Menschen vor. Die Erfahrung zwischenmenschlicher Annahme lässt in uns das Vertrauen und die glaubende Erkenntnis wachsen, dass Gott darin seine Barmherzigkeit erweist, weil er „den Menschen sucht“, wie Papst Johannes Paul II. sagte.

Manche Menschen sind, so wie der jüngere Sohn, vor sich selbst davongelaufen und leben in ständiger, innerer Unruhe und noch ungestillter Sehnsucht. Für sie braucht es ein Wieder-Heimkehren zu sich selbst. Wer bei sich selbst daheim sein kann, bei dem kann auch Gott anklopfen, eintreten und zu Hause sein. Die Bibel, die Heilige Schrift sagt uns das mit den folgenden Worten: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3,20).

Andere wiederum haben das Gefühl, dass ihnen Gott als gütiger Vater abhandengekommen ist. Sie gleichen dem älteren Sohn in dieser Geschichte (Lk 15,11-32), der mit ganz großer, stummer Sehnsucht auf seinen Vater, also auf die Zuwendung, die Anerkennung, die Lebendigkeit, die Liebe Gottes wartet. Auch wenn er – äußerlich betrachtet und selbstverständlich – alles zu „haben“ scheint, fühlt er sich dennoch zurückgesetzt und benachteiligt. Möglicherweise bleiben sich gerade diese Menschen die Liebe zu sich und die notwendige Selbstannahme schuldig.

Wieder andere sind wie der Vater, der zwischen seinen Söhnen steht und durch die neue Zuwendung und lebendige Erfahrung mit ihnen spürt, wer und was ihnen fehlt, was sie brauchen, um wieder wie er ein ganzer Mensch zu werden. Wir werden
erinnert an das (hier etwas anders, aber sinnentsprechend übersetzte) Wort aus den Psalmen: „Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn furchtlos lieben“ (Ps 103,13).

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser vorösterlichen Besinnungszeit Erfahrungen des Erwartet-Werdens, des Heimkommen-Könnens und der Aufrichtung in Liebe erleben dürfen.

Fragen zur Besinnung:
  • Welche Person des Gleichnisses spricht Sie am meisten an und warum?
  • Zu wem müssten Sie gehen und um Vergebung bitten?
  • Wo und vom wem fühlen Sie sich zurückgesetzt und warten auf ein Zeichen der Anerkennung und des Angenommenseins?
  • Wovor laufen Sie in Ihrem Leben davon und müssten wieder heimkommen, um mit sich und anderen offene Fragen und Probleme zu besprechen, zu klären, zu lösen?