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Von der Freundschaft zur Hingabe: Beitrag Pfarrblatt St. Stephan 9/2019

Als die Jünger zum leeren Grab kommen, erzählt uns der Evangelist Markus von einem Engel, der sie erwartet: „Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen.“ (Mk 16,1-8) Sie müssen dorthin wieder zurückgehen, wo sie die letzten Jahre verbracht haben.

 

Galiläa war eine wunderschöne Stadt in einer fruchtbaren Landschaft mit Reichtum und Armut. Wir lesen von Handwerkern, Kleinpächtern, Fischern, Bauern, von Verschuldeten, Tagelöhnern, Arbeitslosen, Blinden, Gelähmten, Aussätzigen, Zöllnern. Galiläa hat in dieser Vielfalt viel mit unserer Wirklichkeit, unseren Gemeinden und Pfarren zu tun. Da gibt es die Menschen, die kaufen und verkaufen, die sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen, die zu den Benachteiligten gehören, die ihre Sünden haben, die über Verfehlungen anderer reden. Hier hat Jesus seine Jahre verbracht, dorthin schickt Er seine Jünger zurück und zeigt sich ihnen wieder: „Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen.“ (Joh 21,1-14).

 

Die sieben Jünger machen das, was sie früher gearbeitet haben. In dieser Trauersituation, in dieser so unübersichtlichen Situation sagt Petrus, ich gehe fischen. Kennen Sie das auch? Manchmal, wenn jemand gestorben ist, machen wir wieder das, was wir immer gemacht haben. Fischen kann er, dieser Simon Petrus und er macht, was er kann und kennt. Alle arbeiten dort die ganze Nacht, aber die erfahrenen Fischer fangen nichts. „Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.“ (Joh 21,1-14) Sie müssen sagen, wir haben nicht einmal einen einzigen Fisch. Null. Nichts. Und nun berichtet die Frohbotschaft von einer Wende: „Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus“ (Joh 21,1-14). Dieser Nullpunkt wird Ausgangspunkt und Ort der Gnade. Er sagt ihnen, werft das Netz auf der rechten Seite aus, ändert die Perspektive, nehmt die andere Hand. Sie sollen es anders probieren als gewohnt.

 

„Liebst Du mich in der Liebe der Hingabe?“

„Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: „Es ist der Herr!“ Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.“ (Joh 21,1-14). Die Netze waren nun voll und gemeinsam mit dem Auferstandenen ist an diesem Morgen Fülle, ja Überfülle möglich.

 

Hier am Ufer beginnt nun der Dialog der Liebe zwischen Jesus und Petrus. „Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15-23). Auf Griechisch gelesen offenbart sich uns, was Jesus meint: „Simon Petrus, agapas me?“. Agape ist auf Griechisch die Hingabe. Er fragt: „Liebst du mich mit der Liebe der Hingabe, der agape?“. Petrus steht bei dieser Frage am Kohlenfeuer, und er antwortet: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ (Joh 21,15-23). Er sagt im Griechischen: „Philo se“. Philia ist auf Griechisch die Freundschaft. Petrus antwortet also „Ich liebe dich in der Liebe eines Freundes.“ Er wagt nicht zu sagen, ich liebe dich mit der Liebe der Hingabe. Jesus fragt erneut: „Petrus agapas me?“ Und Petrus sagt zum zweiten Mal: „Philo se“, ich liebe dich in der Liebe eines Freundes. Jesus merkt, Petrus wagt nicht in der Liebe der Hingabe zu antworten – und ändert nun selbst die Frage. Er fragt nicht mehr nach der Hingabe, sondern fragt nach der Freundschaft „Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, phileis me? Da wurde Petrus traurig.“ (vgl. Joh 21,15-23) Am Kohlenfeuer krähte drei Mal der Hahn, drei Mal am Kohlenfeuer jetzt diese Frage, das geht Petrus nahe. „Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe“ (vgl. Joh 21,15-23). Petrus sagt auch beim dritten Mal „Philo se“. Er bleibt auf der Ebene der Freundschaft. Jesus sagt ihm, Du wirst diese Agape lernen, diese Hingabe: „Aber wenn du alt geworden bist, wird ein anderer dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“ (Joh 21,15-23).

 

Wie vorsichtig antworten wir, wenn Jesus uns fragt „Liebst du mich?“ Antworten wir so, wie er es von uns erfragt, oder sagen wir, ich bleibe bei dem, was ich jetzt gerade zustande bringe? Im Begleiten des Auferstandenen geht es um Lebenshingabe. Sein Wort führt uns hinein in die Nachfolge, sein Wort für uns zu Gnade und Fülle. In unsere konkrete Lebensrealität, in unser Galiläa hinein fragt uns Jesus, und er fragt uns viele Male, in schönen und in schwierigen Situationen, die alles entscheidende Frage „Agapas me?“ Er fragt uns „Liebst du mich in der Liebe der Hingabe?“. Welche Antwort wagen wir zu geben?