Im "gemeinsamem Haus" niemanden vergessen

Auch wenn bei akuter Not "Hilfe gut und richtig" sei, ist nach den Worten des St. Pöltner Bischofs Alois Schwarz "viel Augenmaß notwendig", wenn es um staatliche Zuwendungen zur Bewältigung der Corona-Folgen geht. "Nachdenklich stimmt mich der stetige Ruf nach dem starken Staat, nach Milliardenhilfspaketen und damit nach Hypotheken auf die Zukunft nachfolgender Generationen",

sagte der in der Bischofskonferenz für Wirtschafts- und auch Umweltfragen zuständige Bischof im Interview der Kirchenzeitung "Kirche bunt". Auch für die Diözese St. Pölten sei die derzeitige Situation eine finanzielle Herausforderung.

 
Skeptisch äußerte sich Schwarz auch zum zuletzt häufig zu hörenden Wort "systemrelevant" - "eigentlich das genaue Gegenteil vom Ansatz in 'Laudato si'", der vor fünf Jahren erschienenen Umwelt- und Sozialenzyklika von Papst Franziskus. Wenn es - wie der Papst im Untertitel formulierte - die Welt als ein "gemeinsames Haus" gibt, "dann darf auf niemanden vergessen werden", betonte der Bischof. Die Kirche müsse zu einer Humanisierung der Gesellschaft beitragen, sich "entschieden gegen Selektierungen im Sozial- und Gesundheitswesen" stellen, ebenso gegen Verletzungen der Würde des Menschen und "ethische Beliebigkeiten", sagte Schwarz. "Wir müssen dagegenhalten, wenn das Leben der Schwächsten weiter abgewertet wird." 

Die vergangenen Wochen waren aus der Sicht des Bischofs "wie ein Brennglas auf die Schwächen, aber auch auf die Stärken unserer Gesellschaft". Die faktenbasiert und verantwortungsvoll getroffenen Entscheidungen zugunsten der Eindämmung der Pandemie hätten sich als richtig erwiesen - trotz eingeschränkter Gottesdienstpraxis und schmerzhaften Erfahrungen wie Begräbnissen im kleinsten Kreis. Er hoffe, "dass die Zeit der großen Beschränkungen nicht mehr lange dauert", so Schwarz.

Vor neuem Blick auf Festgefahrenes?

Die Welt sei auch vor Corona voll von Krisen, Not, Gewalt gewesen - aber auch voller Glauben. Vielleicht mache die Pandemie aufmerksamer für die Fragilität von Sicherheit, von sozialem Frieden, für die Sorgen und Hoffnungen der Menschen um uns, mutmaßte der Bischof. "Vielleicht ändert es auch unseren Blick auf Selbstverständlichkeiten, auf Festgefahrenes. Ich würde es mir wünschen."

Viele Menschen in Österreich hätten in der Coronakrise "die eigene Bequemlichkeit zurückgestellt und ihren Nachbarn geholfen". Das bevorstehende Pfingstfest gebe "den Geist für das Erweitern der Grenzen unserer Fürsorge", versicherte Schwarz. Die Antwort der Christen auf die Probleme der Welt "heißt doch Liebe, Großzügigkeit, Schenken, Fürsorge, Mitgefühl", wies er hin. Optimistischer Nachsatz: "Der Heilige Geist stärkt unsere spirituelle Infra­struktur und Widerstandskraft."