Predigt 100 Jahre Caritas-Verband, 14. Februar 2020

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas!

Liebe Gäste! Liebe Freunde, sage ich jetzt, die ein Herz haben!

 

Ein Herz für das Evangelium, das so wunderbar von einer Hand zur anderen weitergegeben wurde, beim Einzug, damit wir aus diesem Buch, das hier weitergegeben wurde, lesen, was das Grundprogramm von Kirche ist, was das Herzensanliegen unseres Gottes ist. Hier wird das Buch weitergegeben, in dem das Wort Gottes begreifbar wird. Frauen und Männer der Caritas begegnen diesem Wort Gottes in den Gesichtern der Menschen, denen sie dienen, mit denen sie reden, denen sie ihre Füße waschen, die sie pflegen, denen sie Essen kochen, mit denen sie erste Schritte machen.

Also: Gott, der begreifbar ist, im Wort, das wir hier verkünden, ist begreifbar in den Menschen, mit denen wir leben. Das ist das Herzstück unserer Religion: Wir haben hier einen Gott, der die Liebe ist. Das ist die einzige Religion übrigens, die sagt: „Gott ist die Liebe“ – aber wir werden weltweit am meisten verfolgt. Das ist schon eine eigenartige Situation. Das ist jetzt nicht irgendeine Zusatzfunktion unseres Gottes, dass er die Liebe ist; nein – das ist er selber: Gott ist die Liebe. Nicht: die Liebe ist Gott, sondern: Gott ist die Liebe. Das ist unser Programm und das wird ausbuchstabiert in den Evangelien, die wir immer wieder lesen – dafür sind wir bestimmt, dass wir im Horchen auf das Wort Gottes die Handgriffe der seelischen Zuwendungen aufmerksamer HelferInnen Zug um Zug an Menschen lernen, dass die Muskeln unserer Seele nicht verkümmern. Das ist ein Seelentraining für unser Herz, das wir da erfahren.

 

Und da haben wir gehört: Die Apostel werden ausgesandt und auch andere, 72, also nicht tausende, sondern 72 und sie gehen zu zweit. (Vgl. Lk 10,1) „Haltet Euch nicht auf, mit den langen Zeremonien, wie die Leute im Orient einander begrüßen, sondern geht weiter! Nehmt nichts mit!“ (Vgl. Lk 10,4) „Verlasst Euch, dass die Menschen Eure Liebe begreifen und sprecht den Frieden zu und dann kommt er wieder zurück und die gute Erfahrung wechselt nicht die Häuser!“ (Vgl. Lk 10,5–7)

Es kann ja sein, dass die Einen, die gut aufgehoben sind, in einem Haus mit schönem Essen verweilen und die anderen Häuser nicht so gut sind. Dann sagt Jesus: „Bleibt dort, wo ihr das erste Mal hinkommt.“ (Vgl. Lk 10,7) – Das ist schon eine gute Regel. „Und wenn der Friede nicht aufgenommen wird, dann zieht weiter!“ Das ist das Grundprogramm von Kirche und Religion.

Und dann gab es in der jungen Kirche die Erfahrung, dass die Fremden, die da waren, und die Hellenisten, die Hebräer, mit anderen Sprachen und anderen Kulturen gesagt haben: „Wir kommen bei unseren Zusammenkünften zu kurz!“ Und dann haben die Apostel gesagt: „Dann müssen wir Diakone einsetzen, denn unsere Aufgabe ist das Horchen auf das Wort Gottes! Und den Dienst an den Tischen, den sollten jetzt andere machen, da suchen wir welche!“

So hat die Kirche versucht, im Laufe der Jahre das Liebesprogramm unseres Gottes umzusetzen, das in Jesus begreifbar geworden ist. Das war ja das Versöhnende, in den ersten Jahrhunderten, dass man die „Galiläer“, wie man sie nannte, dass man von denen sagte: „Die leben ein Liebesprogramm der gegenseitigen Sorge, die unterscheiden sich von den anderen.“ Wir werden erkannt und gemessen in der Aufmerksamkeit füreinander. Und so hat sich die Lehre des Lebensprogrammes unseres Gottes durchgesetzt, in der Kirche, in vielen Lebensprogrammen unserer Orden. – Ich freue mich, dass die Äbte heute da sind und viele Ordensleute. Wie oft haben die doch diesen Sozialdienst gelebt? Wie viele Schwesterngemeinschaften wurden gegründet, in der Aufmerksamkeit für andere? Wie viele Ausspeisungen gab es an den Pforten unserer Klöster und gibt es noch heute?

 

Das Grundprogramm der Liebe hat sich in verschiedenen Gemeinschaften organisiert: Am 14. Februar 1920 hat der damalige Dompfarrer Michael Memelauer den Caritasverband in St. Pölten, hier, in der Diözese gegründet. 1927 ist er dann Bischof geworden, bis 1961. Also: Von den 100 Jahren hat Bischof Memelauer schon viel geprägt. Ich freue mich, dass es bald einen Film über Bischof Michael Memelauer geben wird und seine heftige Predigt gegen die Euthanasie. (Wir suchen übrigens noch Leute, die hier am Filmprojekt mitwirken. Wir werden nachher noch Näheres dazu bekanntgeben.) Ich freue mich, dass uns der Mann durch das Filmprojekt nahegebracht wird, der wirklich Jahrzehnte lang die Caritas geprägt hat. „Caritati“ war sein Leitspruch, also: „der Liebe“. In dieser schwierigen Zeit – 1920 – gegründet, die Jahre zwischen den Kriegen, die Auseinandersetzung in der Politik, dann der Zweite Weltkrieg, dann die Aufbauarbeit danach. Bei Memelauer ist dann der spätere Kardinal von Wien, Erzbischof Kardinal Franz König in die Schule gegangen und hat hier gelernt, in seiner liebenden Aufmerksamkeit Caritas umzusetzen, hier, im Keller, wo sich Menschen versteckt und verborgen haben und geschützt haben, in der Zeit der Not.

 

Dann während dieser Jahre, 100 Jahre Caritas, auch das Zweite Vatikanische Konzil, das gesagt hat: „Kirche ist für alle da!“ „Christus ist das Licht, der Funke,“ hat das Konzil gesagt, „nicht nach innen abgrenzen, sondern nach außen hin öffnen!“ „Lasst uns die Türen aufmachen!“ hat Papst Johannes XXIII. gesagt. Und unser Papst sagt: „Machen wir die Türen auf, nicht nur, dass die Leute hereinkönnen, sondern dass wir hinauskönnen!“ Man kann ja auch die Tür aufmachen, um hinauszukommen, zu den Menschen, und da sind Sie, die Frauen und Männer der Caritas, die der Liebe ein Gesicht geben, das sich den Notleidenden zuwendet.

Caritas muss aber gleichzeitig auch immer Organisation sein; die Strukturenformel damit die Not, in die Menschen geraten, nicht Not bleibt. Das ist ja dann die herausfordernde Stimme von manchen in der Caritas, Situationen so zu ändern, dass sie nicht Not bleibt, neue Strukturen zu schaffen. Es braucht den Samariter, der kommt und verbindet und es braucht auch die Herberge, die dann damit auch Geschäfte macht. Es braucht beides, in der Caritas. Den augenblicklichen, helfenden Dienst und die mitbezahlte Organisation. Ich freue mich, dass das in diesem Land, in unserem Land, so stark ausgebildet ist, dass man hier eine ganz große Wachsamkeit hat, für die Tröstung und Hilfe der Menschen. Dass Sie hier wachsame Augen haben für die Menschen in ihrer Einsamkeit.

 

Liebe Landeshauptfrau! Ich danke dem Land Niederösterreich und allen, die hier Sorge tragen und die Caritas unterstützen in den vielen Hilfsprojekten, aber auch im Bereich der Bildung und Ausbildung, dass wir ganz kompetente Frauen und Männer haben, die im helfenden Dienst den Menschen nahe sind. Wir sichern dann zu, dass wir solche Menschen, die bei uns arbeiten, auch stark machen in ihrer Herzkraft. Dass sie nicht nur berufliche Kompetenz haben, sondern auch Herzensbildung, dass sie stark sind, in der Mitmenschlichkeit. Dass sie nicht nur eine Organisation sind, die in der Hilfe stark ist, sondern sich auch in der Herzensbildung ausweist. Und in der Absichtslosigkeit, in der wir auf Menschen zukommen, werden Menschen neugierig, wer denn unser Gott ist und was uns denn eigentlich motiviert. Und dann ist die Stunde, dass wir davon erzählen. Nicht, dass wir zuerst sagen: „Schau, ich bin Christ und deshalb helfe ich dir!“ Sondern: „Du bist ein Mensch und deshalb helfe ich dir!“ – Nur durch Resonanz und Liebe sind wir überhaupt ins Leben hineingeführt worden. Ohne diese helfende Aufmerksamkeit, diese liebende Zuwendung, ohne dass wir das Herzensanliegen unserer Mutter gewesen wären, wären wir ja nicht da. Wir leben von dieser Resonanz der Liebe und darauf ist der Mensch ein ganzes Leben lang angewiesen.

Ich meine, dass jemand den Egoismus wieder verlernen kann, davon gehe ich aus, dass es irgendwann wieder den Augenblick gibt, wo man sagt: „Also, ich wende mich den anderen zu! Die Resonanz, die du ausgelöst hast, die Absichtslosigkeit macht mich neugierig, wer denn deine Energiequelle ist!“

Mit den Jugendlichen unserer Diözese waren wir jetzt ja in Wieselburg zusammen, 400 Leute waren da, und man durfte ja nur zu viert kommen und zwei mussten unter 30 sein, von den vieren die da kamen. Da waren über 150 Jugendliche und die haben gesagt: „Bischof, unser Leitbild ist: Wie kommt Liebe in die Welt?“ – Das ist das Programm unserer Jugend: Wie kommt Liebe in die Welt? Und im Grunde ist das das, was uns eine solche Besonderheit verleiht, dass die Welt sagt: „Da muss man dazugehören, zu denen müssen wir gehören!“ Das ist das, was die Caritas lebt, aber nicht nur die Caritas, sondern das ist das, was Grundprogramm von Kirche ist.

 

Ich danke allen für das Miteinander in unserem Land. Für die große Mitmenschlichkeit, die da spürbar ist. Ich sage es gerne und ich wiederhole das wieder: Der Grundwasserspiegel der Solidarität ist in Niederösterreich sehr hoch. Der Grundwasserspiegel der Mitmenschlichkeit ist in unserem Land in einem Miteinander ablesbar, dass die Menschen sagen: „Es ist gut und schön hier zu leben.“ Und ich wünsche, dass diese Dynamik des offenen Gesichtes der Nächstenliebe in unserem Land Niederösterreich von vielen Menschen wahrgenommen wird. Ich gehe davon aus, dass Sie alle Freundinnen und Freunde der Caritas sind, Freunde dieses Liebesprogrammes unseres Gottes mit der Herzkraft, die Ihnen in Ihrem Leben geschenkt wurde. Dass wir maßlos sind in der Zuwendung zu den Menschen. Dass die Caritas ja durch diese Feier neue Aufmerksamkeit erhält und dass Menschen, die mit der Caritas und für die Caritas arbeiten, Anerkennung erfahren. Sie übernehmen die große Verantwortung für die Gestaltung unserer Gesellschaft. Das ist das, was wir in die Öffentlichkeit, in das Land, in den Staat einbringen können: Eine Herzensbildung, die miteinander die Menschen aufmerksam macht füreinander. Es ist höchste Zeit und ich darf das heute einfach sagen: Sie, die hier selbstlos und hilfsbereit für die Menschen da sind, sind die ganz große Kostbarkeit für ein solidarisches Miteinander und ein geglücktes Leben!

 

Amen.