Silvesteransprache 2020

Lieber Herr Weihbischof! Lieber Herr Generalvikar! Liebe Mitbrüder aus dem Domkapitel! Lieber Pater Antonio! Lieber Herr Prälat Wansch!

Liebe Schwestern und Brüder, die Sie in dieser Stunde jetzt hier in der Domkirche sind, um Dank zu sagen, um mit mir hineinzuschauen in die vergangenen Tage, wo die Herrlichkeit zu sehen war!

Es hat ja geheißen: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ (Joh 1,14) – Die Herrlichkeit Gottes herausschälen aus den Tagen des vergangenen Jahres: Wo hat es das gegeben, die Erfahrung des zum Menschen gewordenen Gottes? Wo hat sich das gezeigt? – Im Guten der Menschen, im vorsichtigen einander Helfen, in der Großzügigkeit, das Gute zu tun.

Ich meine, dass es da viele Beispiele gegeben hat und viele aufopfernde Dienste von ÄrztInnen, PflegerInnen und anderen helfenden Diensten in den einzelnen Häusern und Familien, in der Nachbarschaft, im Dienst, dass das Leben in der Bedrängnis gestaltet werden kann. Es gab so viel Solidarität in unserem Land und manchmal auch ein bedächtigeres Nachhorchen, wenn jemand gefragt hat: „Wie geht es dir?“ Wo man dann eher die Antwort abgewartet hat und am Schluss dann gesagt hat: „Bleib gesund! Schau auf dich!“

Es ist so etwas gewachsen wie ein Gespür für die Wichtigkeit der psychosozialen Befindlichkeit der Menschen. Es war schon beachtlich, dass am Beginn der ganzen Pandemie ein deutscher Minister gesagt hat: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Immer wieder fällt mir dieses Wort ein, wenn ich in unsere Situation hineinschaue, die oft so eine konflikthafte Vielstimmigkeit hat, in dieser pluralen Gesellschaft, in der wir leben. Weil das Gute und das Böse oft so nahe beieinander sind, weil es so schnell kippen kann, in Aggression, in Ausgrenzung, in Wut, in Ablehnung, in Nichtverstehen oder Besserwissen. Die Balance zwischen Gut und Böse muss täglich neu gesucht werden, in einer Zeit, in der wir an einem Wendepunkt sind. Wie der Psychologe Haller[1] gesagt hat: „Wir haben den narzisstischen Höhentripp, über den wir nachdenken müssen“, oder den wir vielleicht hinter uns haben.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Zeit heute wie eine Sonnenfinsternis ist: Sonne und Mond verdunkeln, weil sie einander im Weg stehen, und zwar so im Weg stehen, dass es gleichsam eine Corona gibt, um die Sonne herum, die ist dann deutlicher zu sehen, was es dann sonst so nicht gäbe. Es gibt auf der einen Seite das in die Not geraten von Menschen, das meine ich mit der einen Seite, im Bild der Düsternis: Dass manche die Armut erfahren, wie sie es vor der Pandemie hatten, und jetzt noch viel stärker. Und auf der anderen Seite gibt es die, die durchkommen, die es schaffen, die neue Formen der Wirtschaftlichkeit entdecken und dankbar sind für die große Hilfe unseres Staates. Ich staune schon, wie viel Unterstützung zugesagt und auch den Menschen gegeben wird. Manche sagen, dass sie es trotz der wirtschaftlichen Not guthaben. Und dann staune ich wieder, wie über unseren Staat und die Regierung geschimpft wird und ausgetauscht wird und jeder weiß es besser.

Ich bin sehr froh, dass es so etwas wie eine Menschheitsanstrengung gibt, einen Impfstoff zu finden und dass wir irgendwie knapp davor sind, dass diese Erfindung gelungen ist, weil viele ihr Bestes gegeben haben in dieser schwierigen Zeit und Menschen es nicht versäumt haben, kleine Gesten des Trostes und der Liebe zu schenken. Das ist, denke ich auch, im vergangenen Jahr unübersehbar gewesen: Das Gute, das Menschen einander gezeigt haben und einander erwiesen haben. Das Gute fragt ja nicht nach dem Morgen, sondern hilft jetzt. Was immer auch der Mensch nachher noch tun wird, aber jetzt wird ihm diese Hilfe zuteil. Was uns auch zugemutet wurde – und da denke ich jetzt auch an die Priester, die hier mit mir jetzt in der Kirche sind und jetzt mit mir auch am Altar stehen –; was uns jetzt auch zugemutet wird oder wo wir herausgefordert werden ist diese reduzierte Feierlichkeit, mit der wir Liturgie, Eucharistie und Sakramente feiern. Der Abstand und auch der Mund-Nasen-Schutz schaffen bei der Feier der Eucharistie so etwas wie eine Spannung zur inneren Gemeinschaft, zwischen dem, was der Liturgie und dem Menschen angemessen ist und dem, was derzeit an den meisten Orten möglich ist. Das ist unübersehbar, dass es da eine Spannung gibt, auch heute im Gottesdienst. Gottesdienst feiern sollen wir ja mit allen Sinnen und das ist uns ja derzeit so nicht möglich Ich bin froh über die vielen fantasievollen Wege, die gesucht wurden.

Aber dennoch: Es ist schon irgendwie auch als Zelebrant eine ganz eigene Erfahrung, wenn man das Brot in die Hand nimmt und die Wandlungsworte spricht, mit Jesus wiederholt: „Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.“ (Lk 22,19) Jesus hat sein Leben in die Hand genommen und dafür Dank gesagt. Und wenn wir das Bot der Eucharistie nehmen, dann nehmen wir gleichsam das Leben der Menschen in die Hand, die Gabe der Schöpfung, die uns vom Volk Gottes anvertraut wird, zur Verwandlung des Lebens. Wir nehmen das Leben in die Hand und sagen dafür Dank und preisen unseren Gott für das Leben, für das so zerbrechliche, ungeschützte oder zum Teil auch verletzte. „Er nahm das Brot“, heißt es, sprach den Lobpreis, dann brach er das Brot und gab es ihnen.“ (Lk 22,19) Er hat die Zerbrechung seines Lebens damals im Abendmahlssaal zugelassen und wir wiederholen das. Wir brechen das Brot und sagen Dank, auch für das Zerbrochene. Und wir wissen: Im Austeilen des Brotes erwächst Fruchtbarkeit, in der Hingabe erwächst wieder Leben und wird Energie und Lebenskraft. Ja mehr noch: Gott wird den Menschen zugesprochen. Und dann ist jetzt etwas bei der Eucharistie, was irgendwie mir als Zelebranten unheimlich nahegeht: Ich zerbreche meine Hostie und ich kann sie aber nicht austeilen. Da sind dann die anderen kleinen Hostien in einem eigenen Gefäß und für die Konzelebranten sind die Hostien auch in einem eigenen Gefäß. Das ist schon für einen Zelebranten bzw. für mich eine eigenartige Erfahrung, mich berührt das jedes Mal. Da ist dann nur die „Priesterhostie“, wie wir sagen. Und das, was die Liturgie vorsieht, in der Ordnung der Liturgie, können wir derzeit nicht vollziehen. Ich hoffe, dass sich das bald ändert und wir dann Eucharistie feiern können im Teilen des Brotes, im Brechen des Brotes. Brotbrechen ist ja der andere Name für Eucharistie, das können wir, aber wir teilen es nicht. Ein bisschen überspitzt gesagt, haben wir zum Schutz eine gewisse Form von Eigenbrötelei geschaffen.

Und dann etwas, was einem als Zelebranten nahegeht: Wir können zu den Einzelnen, die vorkommen, nicht die Hand ausstrecken, um den Leib Christ zu empfangen und wir können nicht sagen: „Leib Christi.“ Wir sagen das allgemein und sie antworten dann alle gemeinsam: „Amen“ – aber nicht der/die Einzelne. Das ist eine wunderschöne Geste, wenn der/die Einzelne kommt, zu sagen: „Leib Christi!“ – Du, der/die du jetzt kommst, bist Leib Christi! Du, der/die du jetzt kommst und Christus empfängst, das ist eine Form von Gemeinschaft! Das ist etwas, was wir aber auch in all unseren Fernseh- und Streaminggottesdiensten nicht medial vermitteln können. Das ist zwar gut für die Frömmigkeit, aber es schafft nicht jene Form der inneren communio, der Innigkeit, des inneren sich Annäherns an das Geheimnis des Leibes Christi.

Wir haben das durchzustehen, wir tragen das mit und beten, dass dieser Verzicht auch Frucht bringt. Dass diese Form des Verzichts etwas ist, was wir hingebend einbringen mit der Bitte, dass uns diese Form der Belastung, die wir jetzt durch die Pandemie haben und die Herausforderung der Ansteckung, dass wir das überwinden. Das ist meine Bitte auch an diesem Abend, in großer Dankbarkeit auch für das vergangene Jahr. Mir erscheint es wichtig, dass wir das täglich immer wieder hier feiern, dieses Brotbrechen und das Gedächtnis an den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Das ist ja das Andenken an die große Liebe unseres Gottes und diese Feier ist gegen den Gedächtnisschwund, der uns sonst in unserer Zeit überkommen könnte, bei den vielen Eindrücken, die wir haben. Dass wir die Grundlage dieser Stiftung für mein Leben nicht vergessen. Dass wir es unserem Gott nicht vergessen, dass er sich uns so hingegeben hat, die Herrlichkeit Gottes unter uns erschienen ist, auch in der der Gestalt der Hingabe unseres Gottes in der Feier der Eucharistie und vor allem im Brotbrechen und im Austeilen seines Leibes, damit unsere Seele Nahrung hat.

Wir lassen uns jetzt hineinführen, in diese Feier der Eucharistie und feiern sie für Sie, für die Menschen unserer Tage. Ich sage noch einmal, dass es das Andenken an die große Liebe unseres Gottes heute gibt und dass diese lebendig bleibt. Das ist eigentlich die Grundlage für mein Aufleben.

Amen.




[1] Reinhard Haller (* 25. September 1951 in Mellau, Bregenzerwald) ist ein österreichischer Psychiater, Psychotherapeut und Sachbuchautor. Außerdem ist er als forensisch-psychiatrischer Gerichtsgutachter bekannt.