Fastenhirtenbrief 2021: Fülle und Erfüllung neu entdecken

Liebe Gläubige!

Vielleicht werden Sie sich am Beginn dieser Fastenzeit fragen: Wozu denn fasten, wenn wir doch schon ein ganzes Jahr des Verzichtens, des Einschränkens, des Zurückziehens hinter uns haben? Und ich möchte Ihnen sagen: So betrachtet haben Sie recht. Wir leben bereits ein Jahr lang in einem mehr oder weniger großen Mangel. Wer ständig das Gefühl hat, nicht genug zu haben, wer sich damit im eigenen Selbstmitleid verstrickt, dessen Leben wird schwer und einsam, um nicht zu sagen trostlos und depressiv.

Deshalb möchte ich Ihnen heute einen anderen Blickwinkel im Zugehen auf die vierzigtägige Fastenzeit eröffnen. Es ist die Perspektive eines Lebens aus der Fülle. Fastenzeit bedeutet: Leben aus der Fülle! Fastenzeit im christlichen Sinn meint, den lebensvernichtenden Mangel hinter sich zu lassen. Es geht darum, die lebensspendenden Lichtblicke auf Gott hin neu zu entdecken. Aus welcher Fülle wir Christinnen und Christen leben dürfen, wird in Jesus Christus in der Feier des letzten Abendmahls deutlich:

„Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19)

Am Beginn dieser Fastenzeit können wir uns daran erinnern, dass Jesus mit uns gehen möchte, dass ER uns nähren möchte und dass wir aus SEINER Fülle Leben zu uns nehmen.

Nehmen wir in dieser Fastenzeit ganz besonders das Nährende, den Reichtum und die Fülle unseres Glaubens in den Blick.

Ich lade Sie ein, die Sehnsucht nach der Feier der Eucharistie wieder zu entdecken. Gerade, wenn im Außen Verzicht, Einschränkung, Distanz uns bedrängen, haben wir als Christinnen und Christen die Möglichkeit aus der Fülle der Nahrung unseres Herzens leben zu können. Unser Auftrag ist es deshalb, das Leben aus der Fülle wieder neu zu entdecken.

Ich war überrascht, als ich vor kurzem das Buch von Madeleine Alizadeh geschenkt bekommen habe, die als „Dariadaria“ in den sozialen Medien sehr bekannt ist. Eine ungewöhnliche Lektüre, dachte ich bei mir, denn es ist kein theologisches bzw. religionswissenschaftliches Buch.

Dennoch berührte mich der Titel „Starkes, weiches Herz. Wie Mut und Liebe unsere Welt verändern können“. Auch wenn ihr Zugang kein explizit theologischer ist, greift sie dennoch Menschen-nahe und tief religiöse Themen auf und formuliert sie in einer zeitgemäßen Sprache.

Mit ihrer Forderung nach einem erfüllten Leben kommt Madeleine Alizadeh dem Wort Jesus sehr nahe, wenn sie schreibt: „Das Leben wird uns immer wieder provozieren und herausfordern, was keineswegs im Gegensatz zum Glücklich sein steht.

Die Anforderung sollte nicht sein, am Ende des Lebens auf ein reibungsloses glückliches Leben ohne Herausforderungen zurückzublicken. Es sollte sein, auf ein erfülltes Leben. Und zum erfüllten Leben kann alles gehören: das Gute und das Schlechte. Indem wir uns der Vorstellung des Glücks als vollkommenen Zustand der Zufriedenheit entledigen, können wir endlich aufhören, nach einem schmerzfreien Dasein zu streben.“ (S.20)

Es erfüllt mich mit Freude, dass eine junge Frau eine so wertvolle Einstellung zum Leben mit sich bringt und diese mit anderen Menschen teilt.

Dem Geschriebenen könnte man die Stelle aus dem Johannesevangelium hinzulegen, wo Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“. (Joh 10,10b)

Lassen Sie sich ein auf ein Fasten der negativen und lebensverhindernden Gedanken, um das Leben in Fülle zu erspüren, um so den Genuss des göttlichen Lebens zu verinnerlichen. Freilich braucht es dazu auch Orte, an denen unsere Seele zur Ruhe kommen kann, um sich einzulassen auf eine erfüllte Erfahrung.

Im Evangelium am Aschermittwoch hat es geheißen:

„Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ (Mt 6,6)

Das kann auch heißen: Geh in deine Kirche, in den Raum deiner Innerlichkeit oder an jenen Ort, an dem du die Fülle, die Gott dir schenkt, wahrnehmen und empfinden kannst.

Ich lade Sie ein, diese Fastenzeit ganz in den Blick auf die göttliche Fülle zu stellen. Werden Sie erfinderisch im Suchen und Entdecken dieser Fülle, damit Ostern zu einem Fest der erfüllten Auferstehung und des erfüllten Lebens für Sie werden kann.

Eine gesegnete Fastenzeit wünscht Ihnen

Diözesanbischof Alois Schwarz

St. Pölten, am 11. Februar 2021