Gedanken für den Tag - 20.-25. September 2021

Gedanken für den Tag, Montag, 20. Sept 2021

Aus Anlass der österreichischen Bibel-Fest-Woche

Gute Nachricht im Informationszeitalter

Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Nie in der Geschichte war es für breite Bevölkerungsschichten so leicht, an Informationen zu kommen. Ein gewaltiger Wissens- und damit Demokratisierungsschub.

Gleichzeitig steigt damit auch eine neue Unübersichtlichkeit und das Bedürfnis, sich in überschaubaren Wissenseinheiten einzurichten, und die Gefahr sich nur noch in den eigenen sogenannten Informationsblasen aufzuhalten. Informationen und Daten werden zu Höchstpreisen angekauft und verkauft, werden gehandelt wie Immobilien und Aktien.

Schon vor 50 Jahren fragt Lothar Zenetti in einem Gedicht: „Worauf sollen wir hören? … So viele Geräusche, welches ist wichtig? So viele Beweise, welcher ist richtig? So viele Reden!“ – Auch wenn in der Zwischenzeit das Hauptmedium für Informationen das Bild geworden ist, oder das Video – und DAS Informationssinnesorgan damit das Auge – bleiben seine Fragen aktuell: worauf und auf wen sollen wir hören?!

Die Bibel, eine ganze Bibliothek Heiliger Schriften, wirkt da archaisch und anachronistisch. Und überrascht mit Frische und Aktualität. Von jeher übersetzt in viele Sprachen und kulturelle Kontexte und mithilfe der zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln und Medien, bietet sie Informationen für das Leben der einzelnen und für das Miteinander von Mensch und Schöpfung. Generationen von Menschen weltweit haben entdeckt: sie enthält wichtige Nachrichten – und es sind gute Nachrichten! Good news! Von Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Liebe – für alle und auf Dauer.

In der Bibel wird nicht nur viel geredet, sondern es gibt eine Botschaft. Und es ist eine frohe Botschaft! Im Neuen Testament ist das sogar zur literarischen Gattung geworden: Evangelium, vom griechischen eu-angelion: gute, frohe Botschaft.

- Eine App für diese „Infobox“ lohnt sich.

 

Gedanken für den Tag, Dienstag, 21. Sept 2021

Aus Anlass der österreichischen Bibel-Fest-Woche

Bibel – Hören – Lesen – Leben

Die biblischen Bücher sind aus dem Glauben und für den Glauben geschrieben. Es spricht aber natürlich auch nichts dagegen, eine Bibel einfach so, aus Interesse, aufzuschlagen und darin zu lesen. Von 24. September bis 3. Oktober findet in Österreich die sogenannte „Bibel-Fest-Woche“ statt. Sie bildet den Abschluss und zugleich den österreichweiten Höhepunkt der „3 Jahre der Bibel“ in der katholischen Kirche.

Anlass waren die erneuerte Einheitsübersetzung der Bibel und damit verbunden die Einführung der neuen liturgischen biblischen Bücher für den Sonntagsgottesdienst in den letzten drei Jahren.

Die Jahre standen unter dem Motto „Bibel – Hören – Lesen – Leben“.

„Bibel hören“?

Für die meisten katholischen Christinnen und Christen sind der weitaus häufigste - und manchmal auch der einzige - Zugang zur Bibel die vorgetragenen Texte aus der Heiligen Schrift im Sonntagsgottesdienst - vielleicht auch bei einem Radiogottesdienst. In diesem Sinne ist es ein Zuhören, ein Hören auf jene Bibelstellen, die jeweils am Sonntag in der gesamten Weltkirche verkündet werden. Hören kann aber auch noch sehr viel tiefer verstanden werden: im Sinne von verinnerlichen, sich zu eigen machen, zu Herzen nehmen: ein Wort nicht nur anhören, sondern danach leben.

„Bibel lesen“. – Das kann heißen. Die Heilige Schrift alleine lesen. Im eigenen Tempo. Die Stelle, die ich selber aussuche. Ein kleiner Ausschnitt, oder fortlaufende Lektüre. Für viele evangelische Christinnen und Christen selbstverständliche Gewohnheit, auf katholischer Seite immer noch eher selten, aber (vielleicht) einen Versuch wert.

Und schließlich: „Bibel leben.“ – Manche Menschen sind ganz erfüllt von der biblischen Botschaft, ohne viel davon nachgelesen zu haben. Sie leben darin und dafür. Wenn Worte sich mit Leben füllen und ins Tun führen, dann finden sie ihre Erfüllung.

Die Jahre der Bibel sind eine Einladung, die Bibel für sich neu zu entdecken: eine reichhaltige Schatztruhe.

 

Gedanken für den Tag, Mittwoch, 22. Sept 2021

Aus Anlass der österreichischen Bibel-Fest-Woche

 

Die Bibel – eine Bibliothek Heiliger Schriften

Die Bibel ist das meistübersetzte Buch aller Zeiten. Und wenn man so will, in vergleichsweise jungen Kategorien der letzten Jahrhunderte, auch das meistverkaufte Buch. Der Bestseller. Ich würde mir – als Bischof wohl nicht verwunderlich - auch wünschen, dass es auch das meistgelesene, ja ein „gelebtes“ Buch wäre.

Dabei ist die Bibel nicht einfach EIN Buch. Das deutsche Wort Bibel ist ein Lehnwort aus dem griechisch-lateinischen biblia – was „Bücher“ bedeutet. Eine Sammlung von Büchern, ja eine ganze Bibliothek. Nach katholischer Tradition und Zählart besteht die Bibel aus 73 Büchern: 46 im Alten Testament und 27 im Neuen, von ganz unterschiedlichem Umfang. Auch die literarischen Gattungen unterscheiden sich sehr. Die archaischen Fünf Bücher Mose stehen da neben Geschichtswerken und einem Liebesgedicht, dem Hohelied. Dann finden sich die vielen, recht unterschiedlichen Briefe eines Paulus und auch ein eigenes umfängliches Gebetsbuch: die Psalmen. Noch eine Eigenheit: im Neuen Testament gibt es etwa nicht, wie man unvoreingenommen vermuten könnte, EIN Evangelium, also EINE Schrift über Leben, Botschaft und Bedeutung des Jesus von Nazareth, sondern eben vier. Das wäre in späterer europäischer Zensur wohl nicht durchgegangen, da liebt man ja klare Systematik und Einheitlichkeit. VIER Evangelien, die in vielem gleich, in manchen Dingen aber auch recht unterschiedlich sind. Wohl vor allem, weil die Beschreibung eines Menschen erst aus vielen Perspektiven eine realistische Gestalt annimmt.

Eine Bibliothek voller Lebens- und Glaubenserfahrungen, einzelner Menschen und in Gemeinschaft. Für die Glaubenden ist es Heilige Schrift: Gotteswort in Menschenwort. Menschliches Zeugnis für Erfahrungen mit Gott, und im Neuen Testament mit Jesus Christus. Und darum je neu dem Mühen und Ringen der Deutung und Auslegung und der Aktualisierung übergeben, wie dieses Wort recht zu verstehen ist. Weil es nicht bloß um historische Informationen geht, sondern um die Größe und Verantwortung des Menschen, ja um Leben und Sinn für alle – von der Schöpfung an.

 

Gedanken für den Tag, Donnerstag, 23. Sept 2021

Aus Anlass der österreichischen Bibel-Fest-Woche

Mönche und Wiederkäuer

Für die Meditation der christlichen Mönche im Mittelalter gibt es eine etwas eigenwillige Bezeichnung: ruminatio. Auf deutsch: Wiederkäuen.

Von den Rindern wissen wir, dass sie vier Mägen haben und Gras oder Heu durch alle vier Mägen hindurch müssen. Dafür braucht es den Vorgang des Wiederkäuens. Das Futter, das schon im Magen war, kommt zurück ins Maul, um noch einmal gekaut und weiter verdaut zu werden. Wenn man Kühe auf der Weide liegend beobachtet, meint man ja manchmal, dass sie nur damit beschäftigt sind.

Wiederkäuen als Vergleich und Anleitung, um die Worte der Heiligen Schrift besser aufnehmen zu können. Verdauung und Stoffwechsel sind ja auch beim Menschen wie ein Wunder – weil wir uns daran gewöhnt haben, übersehen wir es leicht. Wir nehmen Nahrung zu uns, kauen und verdauen sie – und wo ist sie dann? Unverdauliches wird ausgeschieden – und der Rest: Wo kann man nach etlichen Stunden und Tagen die Speisen wiederfinden? Sie haben sich aufgelöst. Genauer: sie sind ein Teil von uns geworden, sind praktisch überall in uns.

Christliche Meditation der Heiligen Schrift ist wie ein geistlicher Stoffwechselprozess: Schauen wir noch einmal auf die christlichen Mönche: Sie lesen oder hören das Bibelwort. Sie wiederholen es, laut, oder still im Geiste, in der Mönchszelle oder bei der Handarbeit. Es begleitet sie. Solange, bis das Wort in sie übergegangen ist, ein Teil von ihnen geworden ist. Nicht nur im Kopf, auch im Herzen, es bestimmt das Denken und Handeln, ja ist auch unbewusst wirksam. So wurden oft Psalmverse, etwa über Gottes Schutz und Hilfe und die Geborgenheit, wiederholt und geistig-geistlich „verdaut“.

Gemäß dem Motto: Bibel hören – lesen – leben.

 

Gedanken für den Tag, Freitag, 24. Sept 2021

Aus Anlass der österreichischen Bibel-Fest-Woche

 

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

Die Bibel ist nicht einfach EIN Buch, sondern wie eine Bibliothek von ganz unterschiedlichen Büchern. Darin findet sich auch ein eigenes großes Gebetsbuch: das Buch der Psalmen.

Die insgesamt 150 Psalmen sind verteilt auf fünf Bücher, in Anlehnung an die Fünf Bücher des Mose, oder besser noch als betende Antwort auf diese.

Man kann die Psalmen auch sehen als 150 Gebetsvorlagen oder -formulare für alle möglichen und unmöglichen Situationen des Lebens. Nichts ist ausgespart. Himmelhoch jauchzende Freude, in immer neuen Variationen und Überbietungen. Traurigkeit und Betrübnis, nicht enden wollendes Seufzen und Klagen. Gott selber wird bestürmt und angeklagt in einer Heftigkeit, wie es wohl nur wenige Gläubige von sich aus zu formulieren wagen würden.

Besonders kunstvoll ist Psalm 119 gestaltet, zugleich der längste Psalm, bestehend aus 22 Strophen zu je 8 Doppelzeilen. Alle 8 Doppelzeilen beginnen jeweils mit dem gleichen Buchstaben, insgesamt in der Abfolge der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Inhaltlich geht es um den großen Dialog des Beters mit der Tora, auf deutsch nur ganz oberflächlich mit Gesetz zu übersetzen, vielmehr Weisung, ja Wort Gottes insgesamt, etwa im Vers 105: Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade.

Ganz in der Nähe davon steht der kürzeste Psalm, 117: in Kurzform ein Halleluja, ein Loblied auf Gott. Loben sollen ihn alle Völker, alle, wegen seiner Liebe und Treue.

Im Gebetsbuch der Psalmen wird deutlich, dass die Bibel kein trockenes Informationsbuch ist, sondern die Lebenswirklichkeiten aus dem Glauben heraus deuten und gestalten will.

Der größte Teil der Gebete der christlichen Mönche besteht aus den biblischen Psalmen. Im Lauf von 2 Wochen werden jeweils alle 150 gebetet. Für viele Menschen sind bis heute die Psalmen eine gute Möglichkeit, ins Gebet zu finden. Und sei es manchmal nur als Stoßseufzer zwischendurch …

 

Gedanken für den Tag, Samstag, 25. Sept 2021

Aus Anlass der österreichischen Bibel-Fest-Woche

 

Buch mit sieben Siegeln

Für viele ist die Bibel wie das sprichwörtliche „Buch mit sieben Siegeln“ – schwer zu verstehen und rätselhaft. Das Originalbuch „mit sieben Siegeln“ findet sich übrigens in der letzten Schrift der Bibel, in der Offenbarung des Johannes. Ein anderer Name dafür, „Johannesapokalypse“, weist darauf hin, wie sehr es sich heutzutage eignet für Mystery- und Fantasyfilme aller Art: magisch, mystisch, schrecklich – und vor allem braucht man den richtigen Code ...

Und das soll die Bibel sein? Einerseits Geheimcode – andererseits Tür und Tor offen für alles Mögliche?

Mit einigen wenigen Verstehensschlüsseln liest sich die Johannesoffenbarung völlig anders: als Ermutigung an eine kleine Schar von Gläubigen, ihre Hoffnung nicht auf Äußerliches und die Machtverhältnisse zu setzen, sondern auf Gott.

Schon so mancher hat mit guten Vorsätzen begonnen, die Bibel zu lesen. Und hat beim Buch Genesis angefangen und ist dann irgendwo im Buch Exodus ins Stocken geraten. Zu unverständlich? Zu wenig Ertrag?

Manche Bibelstellen sind so einfach und klar, dass sie keine Zusatzinfos brauchen: etwa viele Worte und Taten Jesu. Oder Gebete aus den Psalmen: So konkret, als ob sie von heute wären und nicht über 2000 Jahre alt.

Für andere Stellen braucht man Verstehenshilfen. Dafür gibt es Einführungen, Kommentare in verschiedenen Formaten und Hinweise in der Bibelausgabe selber. Vielen hilft der geistige und spirituelle Austausch mit anderen, um mit dem Lesen der Bibel anzufangen und mit Gewinn dabei zu bleiben.

Die Bibel enthält Gotteswort in Menschenwort. Darum braucht es immer wieder die persönliche Anstrengung und hochwissenschaftliche Untersuchungen, um besser herauszufinden, was die biblischen Autoren sagen wollten.

Treffend gilt aber auch immer ein Wort von Frère Roger, dem Gründer von Taizé: Und wenn du nur ein Wort der Bibel verstanden hast: Lebe danach, und es wird dein Leben verändern.