Eröffnungskonzert
Das Eröffnungskonzert der diesjährigen Saison im Festival Musica Sacra greift Fragen auf, die aktueller nicht sein könnten: die Erfahrung von Flucht, die Suche nach Sicherheit und nach einem offenen Tor. Der Titel des Oratoriums „L’Enfance du Christ“ (Die Kindheit Christi) des französischen Komponisten Hector Berlioz (1803-1869) lässt auf den ersten Blick etwas „Weihnachtliches“ vermuten. Doch Berlioz wirft ein völlig neues Licht auf die Kindheit Jesu: Im Zentrum steht nicht die verklärte Darstellung der Geburt des Gottessohnes, sondern die Verletzlichkeit der jungen Heiligen Familie.
In seinem Oratorium „L’enfance du Christ“ schlug Berlioz ganz neue Töne an: In seiner musikalischen Erzählung der Kindheitsgeschichte Jesu wählte er – anstelle seines sonst für die damalige Zeit revolutionären Stils – eine schlichte musikalische Innigkeit, der dem Inhalt laut Berlioz als einziger angemessen sei. Berlioz, wie man ihn aus Werken wie der „Symphonie fantastique“ kennt, ist hier kaum wiederzuerkennen. Statt grotesker und visionärer Klanggewalt und orchestralen Explosionen sucht er in „L’enfance du Christ“ die pastorale Schlichtheit, Bezüge zur traditionellen Kirchenmusik, liebliche Melodien, innige Chorsätze.
Ursprünglich hatte Berlioz nicht vor ein Oratorium zu komponieren. Als spontane Gelegenheitswerk komponierte er vier Jahre zuvor einen „Chor der Hirten“ in einer sehr schlichten, ländlich anmutenden Art. Der große, unerwartete Erfolg dieses Werks ermunterte ihn, sich immer mehr mit der Kindheitsgeschichte Jesu auseinanderzusetzen und einen Teil nach dem anderen zu vertonen. 1854 war das Stückwerk vollendet und konnte zu einem Ganzen zusammengesetzt werden, das Berlioz jedoch nicht „Oratorium“, sondern „Trilogie sacrée“ nannte.
Diese eher ungewöhnliche Entstehungsgeschichte verrät bereits viel über den besonderen Charakter des Oratoriums: Berlioz will hier nicht die Weihnachtserzählung nacherzählen, sondern schafft eine musikalische Betrachtung des Menschen im Schatten des Bedrohlichen. „L’enfance du Christ“ ist viel mehr als die Vertonung einer biblischen Geschichte. Berlioz‘ Musik erzählt von Angst und Hoffnung, von Flucht und Aufnahme, von der Suche nach Rettung und Sicherheit. Gerade darin liegt die eigentliche Aktualität des Werks: Schon vor mehr als 170 Jahren stellte sich Berlioz musikalisch jenen Fragen, die gerade heute wieder zahlreiche Menschen beschäftigen.
Felix Deinhofer
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