Weltsuizidpräventionstag 2026: Dem Leben Sinn geben
Unsere Lebensrealitäten befinden sich im Umbruch: Kriege, eine instabile Weltordnung, die Klimakrise und ein rasanter technologischer Wandel sorgen für Verunsicherung. Diese enorme Dichte an komplexen Veränderungen und Krisen sowie ein manchmal erdrückendes Gefühl, dass keinerlei Beruhigung in Sicht ist, haben Spuren hinterlassen: „Viele Menschen leiden in ihrem Alltag an zunehmenden Überforderungen, die zu Gefühlen der Ohnmacht, Orientierungs- oder Hoffnungslosigkeit führen können.“, sagt Ama Lovenson, Leiterin der TelefonSeelsorge NÖ – Notruf 142. Treffe diese emotionale Gemengelage auf individuelle, akut krisenhafte Ereignisse wie Kündigung, Trennung oder Krankheit bzw. auf eine psychische Erkrankung, könne sich bei dem einen oder der anderen die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen.
Sinn braucht Verbunden-Sein
„Der von vielen Menschen empfundene fehlende Sinn im Leben ist eine große Herausforderung unserer Zeit“, sagt Lovenson. Wer keinen Sinn finde, sei weniger resilient. Dabei ist gerade Resilienz in Zeiten von Veränderungen und Krisen ein unverzichtbarer persönlicher und gesellschaftlicher Schutzfaktor. Denn: Menschen, die ihren Alltag oder Teile davon als sinnvoll einschätzen, leben erfüllter, bewusster, psychisch und körperlich gesünder, so die Expertin. „Sinn ergibt sich durch wertvolle persönliche Ziele, durch Hoffnung und durch starke, gesunde Beziehungen zu Mitmenschen. Sinn stärkt Gesellschaften von innen heraus.“, sagt Lovenson.
Den einen entscheidenden Lebenssinn gibt es dabei nicht, vielmehr kann aus unterschiedlichen Bereichen geschöpft werden. „Dabei kann es um andere Menschen, die Gesellschaft, aber auch um Natur und Tiere gehen“, ergänzt die Psychologin. Sinnstiftend sei die Erfahrung, sich einzulassen und etwas beizutragen – egal, ob sozial, ökologisch, politisch, künstlerisch. Lovensons Fazit: „Sinnerfülltes Leben gelingt nicht allein, nicht im Kreisen um sich selbst. Es braucht Verbindung – mit sich selbst, mit anderen, mit Natur, Gesellschaft, der Welt um sich und dem Leben an sich. Menschen wollen sich einbringen und etwas sinnvolles tun.“
Daten wie die des österreichischen Einsamkeitsberichtes 2025 belegen, dass Einsamkeit nicht durch persönliche Eigenschaften einzelner Personen erklärt werden kann. Dieses Wissen kann für einsame Menschen entlastend sein. Und dieses Wissen zeigt auch Gestaltenden Handlungsspielräume auf. Denn, wir wissen heute: Die Entstehung und Aufrechterhaltung von Einsamkeit werden wesentlich von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst. Daher ist es gerade auch angesichts von oftmals bestehenden Verunsicherungen oder geopolitischen Veränderungen eine Kernaufgabe zivilisierter Gesellschaften, ihre vulnerabelsten Mitglieder präventiv vor Belastungen zu schützen, sie zu stärken und zu entlasten. Die (zumindest) unveränderte Aufrechterhaltung bestehender Sozialleistungen und entlastender, niedrigschwelliger psychosozialer Angebote sind für die Ermöglichung von Teilhabe unverzichtbar. Die Botschaft: „Es ist anderen Menschen wichtig, dass ich dazu gehöre – ich gehöre dazu.“ ist Ausdruck einer gelungenen Verbindung, die Gesellschaften stärkt.
Einsamkeit macht krank
Zwar wächst in Zeiten zunehmender Individualisierung die Sehnsucht nach Verbundenheit, Zugehörigkeit und echten Begegnungen, gleichzeitig sind aber viele Menschen von Einsamkeit betroffen, vor allem junge. „Aktuelle Daten zeigen, dass 12 Prozent der 18 bis 34‑Jährigen in Österreich angeben, sich meist oder immer einsam zu fühlen“, so Lovenson. Besonders gefährdet seien auch Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren sowie Jugendliche mit niedrigem Familienwohlstand, Migrationshintergrund oder queerer sexueller Orientierung. Jedoch auch erwachsene Alleinlebende (19%), Alleinerziehende (12%), im Ausland geborene Personen (17%), sowie Personen mit niedrigem Haushaltseinkommen (16%) Erwerbslose Personen (17%) und Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen (13%) geben an, sich immer oder meist einsam zu fühlen.
Einsamkeit mache auf lange Sicht psychisch und physisch krank, betont Lovenson: Betroffene würden ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen und Suizidgedanken aufweisen. Lovenson erklärt: „Hoffnungslosigkeit belastet nicht nur das Jetzt, sondern verdunkelt auch den Blick auf alles, was noch kommen könnte. Menschen mit Suizidgedanken wollen meist nicht sterben, sondern nicht so weiterleben wie bisher. Sie suchen einen Ausweg aus einem äußerst quälenden Zustand, der so für sie nicht mehr zu ertragen ist.“
Darüber sprechen ist ein erster Schritt
Über den fehlenden Lebenssinn oder die Einsamkeit bzw. den Wunsch nach Zugehörigkeit zu sprechen, ist ein erster wichtiger Schritt. „Es zeigt sich, dass in suizidalen Krisen ein Gespräch schon sehr viel weiterhilft. Menschen brauchen die Gelegenheit, sich auszusprechen. Denn eine Kontaktaufnahme steht meistens ein Stück im Widerspruch zur Selbsttötungsabsicht. Der Mensch in einer suizidalen Krise sucht eine Person, die ihn versteht und seine Verzweiflung akzeptieren und ertragen kann“, so die Krisenbegleiterin. Eine solche Person zu finden, sei oft nicht einfach. Es brauche ein Gegenüber, das zuhöre, Anteil nehme und sich einfühle, ohne schnelle Lösungen anzubieten.
Genau das bieten die ausgebildeten Berater:innen der TelefonSeelsorge: Sie stellen ausreichend Zeit zur Verfügung, hören zu, zeigen Verständnis für die schwierige Situation und vermitteln Ratsuchenden das Gefühl, mit ihren Problemen nicht allein zu sein. Ziel ist es, in eine hoch angespannte Situation etwas Abstand, Ruhe und Klarheit zu bringen. Betroffene erhalten ein niederschwelliges Beziehungsangebot, das Verbundenheit schafft und dadurch Sicherheit gibt.
Der amtliche, psychosoziale Notruf ist rund um die Uhr unter der kostenlosen Nummer 142 erreichbar. Wer lieber schreibt, kann täglich von 16.00 bis 23.00 Uhr die kostenlose Chatberatung nutzen oder rund um die Uhr eine Anfrage an die Messenger-Beratung per Telefon (0660 / 142 0 142) senden.
Aktionsmonat für psychosoziale Gesundheit
Der Yellow September ist der Aktionsmonat für psychosoziale Gesundheit in Österreich. Er verbindet den Welttag der Suizidprävention am 10. September mit dem Welttag der psychischen Gesundheit am 10. Oktober. Organisationen und Initiativen machen in diesem Zeitraum Aktionen, Angebote und Informationen sichtbar. Das Schwerpunktthema 2026: Einsamkeit. Dementsprechend lautet das heurige Motto: „Gemeinsam geht mehr!“